Berlins wilde Boheme

BS28-29-11-08_081Alle zwei Monate wird das Oxymoron in den Hackeschen Höfen zur Zeitmaschine in die 20er Jahre. Dann trifft sich hier die „Bohème Sauvage“, die wilde Boheme, und lässt die sagenumwobenen 20er Jahre wieder auferstehen. Die von Organisatiorin Else Edelstahl und der Gesellschaft für Mondäne Unterhaltung ausgehaltene Veranstaltung ist dermaßen beliebt, dass regelmäßig schon Tage vorher alle Karten aus sind. Wer kurzfristig mit auf Reise in die Roaring Twenties kommen möchte, hat nur eine Chance: Früh da sein.

Wie bei der 28. Boheme Sauvage am vergangenen Samstag: Perfekt kostümiert stehen die Bohemiens Schlange durch den ganzen Hof draußen vor der Tür. Als die Damen in ihren Seidenkleidchen zu frieren beginnen, tritt ein elegant gekleideter Herr mit schwarzem Zylinder vor die Tür und serviert den Wartenden Absinth.BS28-29-11-08_090

Um halb zwölf sind die Karten auch an der Abendkasse aus, immer noch stehen Dutzende feder- und zylindergeschmückten Nachtschwärmer vor der Tür. Drinnen geht der Vorhang auf und entführt die Besucher in die wunderbare Welt der wilden Boheme.

Im großen Saal fangen unter dem glitzernden Kronleuchter die ersten Gäste zu tanzen an, nebenan beginnt im dunklen und verrauchten Casino das Spiel.

Es ist die gemeinsame Hingabe von Veranstaltern und Besuchern, die diese Nacht so besonders macht, ihre Liebe zum Detail. Hinter dem Spieltisch wird an einer separaten Bar Absinth serviert. Doch nur, wer sein am Eingang ausgehändigtes „Reichsmark“-Vermögen beim Spiel verdoppelt, darf sich das Zucklerstückchen auf dem goldenen Löffel anzünden. Den fehlenden Betrag mit Euro aufzustocken, das wird nicht akzeptiert – klar, denn auch ein Zeitreisender wäre mit Euros in der Tasche im Berlin der 20er schlecht beraten gewesen.

BS28-29-11-08_097Das liebevolle Konzept der Veranstalter wird ergänzt durch den gelebten Enthusiasmus für die Ästhetik der Zeit auf Seiten der Gäste : Federn, Perlen und seidene Haarbänder auf den Köpfen der Damen, die Herren tragen Anzug, Hut und Hosenträger und Oberlippenbärtchen.

Vorne im Saal begrüßt Coco, steppender Master of Ceremony, die Gäste. Zwei Tänzer bringen sie mit einer Tanzstunde von der kleinen Bühne aus zum ersten Wippen.

Der Abend nimmt seinen Lauf, an den Bars wird eifrig serviert und getrunken, auf der Tanzfläche wirbeln Mädchen in Hängerkleidchen, mondäne Herrschaften und weibliche und männliche Dandies paarweise und gemeinsam einsam zur Musik eines DJs.

Im Casino ereignen sich derweil dramatische Szenen, so mancher verspielt den letzten Absinth bei Roulette und Poker. Jetons fliegen durch den Raum wie die Tänzer auf der Tanzfläche. Eine Schlangenfrau im glitzernden rosafarbenen Kostüm verzaubert die Zuschauer. BS28-29-11-08_129

Und so wird die ganze Nacht getanzt, gespielt und natürlich, wie sich das für eine so mondäne Gesellschaft gehört, philosophiert. Bis in den frühen Morgen dauert diese schillernde Nacht, eine Zeitreise zu längst vergangenen Nächten.

Mehr schöne Fotos der 28. Bohème Sauvage gibt es hier und bei Schimmer and Sisca.

Herzlichen Dank an Frederic Schweizer für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung der Fotos.

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