Kein Gebot? Platte tot!

mama-andy-borg-kleinDer Ort sieht so aus, wie er klingt: Tom Waits. Auf der Yorkstraße, abseits der Partyrouten Kreuzbergs, hat vor kurzem die Kollage aufgemacht, Verein für Kunst, Kultur und das gepflegte Massaker. Dort findet nun regelmäßig eine Aktion statt, die Schallplattenliebhaber erzittern lässt.

„FELICITA!“ singen Al Bano und Romina Power und können sich damit noch grade vor der Vernichtung retten. „10 Cent!“ ruft einer aus dem Publikum, „20!“ schallt es aus einer anderen Ecke. „20 Cent sind geboten, bietet jemand 30?“ „50!“-„70!“-„2 Euro 10!“- „Zum ersten, zum zweiten, zum dritten – verkauft!“

Kaum haben DJ Franky Fuzz und Mono Michalke die Nadel ihrer Monoplattenspieler auf eine der Vinylsingles gesetzt, kann gesteigert werden, schon mit 10 Cent ist man bei der „Auktion Destruktion“ dabei.

Wenn niemand bietet, greift das Motto der Show „Kein Gebot – Platte tot“. Dann wird das hilflose Scheibchen vor aller Augen zerbrochen und landet, von Schmerzensschreien und schadenfrohem Gejohle des Publikums begleitet, gemeinsam mit seiner lieblos zerknüllten Plattenhülle im Orchestergraben.

Die Idee ist angemessen trashig umgesetzt, das Podium liebevoll dekoriert, Mini-Diskokugeln und goldene DJ-Tischdecke aus Falschsamt sorgen fürs passende Ambiente. Die Herren, der eine mehr Rockabilly, der andere mehr Pilzkopf, sind höchst professionell bei der Sache, ab und an entfährt ihnen jedoch eine Liebeserklärung an eine grade aufgelegte Scheibe, die sie nicht vernichtet sehen wollen.

Immer wieder kommen Stücke auf die Teller, die wirklich gar keine Chance haben und zur Freude des Publikums genussvoll zerbröselt auf dem Boden landen, so eine Cover-Version von Heintjes „Mama“ oder Frank Zanders „Susie, der zensierte Song“.

Aber weil Auktion Destruktion Erinnerungen weckt, finden auch viele der Platten, von denen man dachte, sie seien mit Sicherheit dem Untergang geweiht, ihren Liebhaber. Bei „Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse, dann geht ’se los unsre Po-lo-naise“ von Gottlieb Wendehals wird hart gekämpft, auch die erst ab 16 zugelassene Platte mit dem nicht ganz jugendfreien Titel „Orgel und Geige“ findet einen glücklichen Abnehmer.

So manche Platte ist sogar heftig umkämpft. Stevie Wonders „I just called to say I love you“ erzielt den Höchstpreis und da ist dieser mysteriöse Mann an der Bar, der einige der begehrtesten Schätzchen absahnt.

Spätestens bei George McCraes „Rock your Baby“ ist es egal, ob es zu Auktion oder Destruktion kommt. Hauptsache, es rockt schön gestrig.

Nach der Auktion heißt es: Plattenleichen diskret beseitigen.

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