Felix Ringel ist Anthropologe. Sein Forschungsobjekt: Das Leben in Hoyerswerda, einer Stadt im Rückbau
Seit eine Studie Hoyerswerda zur am stärksten schrumpfenden Stadt Deutschlands kürte, stürzen sich die Medien auf Felix Ringel. Der junge Sozialanthropologe erforscht die sächsische Kohlestadt für seine Doktorarbeit an der britischen Cambridge-Universität. Vor lauter Presseanfragen kommt er fast nicht mehr zu dem, wofür er in Hoyerswerda ist: Seine Eindrücke über das Leben in dieser Stadt festzuhalten.
Felix Ringel, geboren in Ost-Berlin, studierte Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina. Nach einem Gaststudium in Berkeley ging er an die britische Cambridge-Universität. Sein Thema ist die Transformation der sozialistischen Gesellschaft. Ihn interessiert, was diese Erfahrung aus den Menschen macht. Seine Forschungsfrage: Was für eine “Mentalität” entsteht durch einen Systemwechsel wie den in Ostdeutschland?
2008 kam er mit leerem Feldtagebuch nach Hoyerswerda. Seitdem nimmt er hier am Leben teil. Er wohnt in Gastfamilien, die er alle paar Monate wechselt, und lernt so immer wieder neue Menschen und neue Teile der Stadt kennen. Er zeichnet auf, was er sieht und erlebt.
Laut Demographen ist Hoyerswerda die am stärksten schrumpfende Stadt Deutschlands. Keine andere Stadt hat in den letzten Jahren mehr Einwohner verloren. Die Wohnsiedlungen werden deshalb zurückgebaut – oder, wenigers euphemistisch ausgedrückt, abgerissen.
Ganze Wohnkomplexe werden nicht mehr gebraucht. Seit der Wende 1989 sollen bereits 29 Prozent der Bevölkerung abgewandert sein, neueste Schätzungen gehen von weiteren 40 Prozent Bevölkerungsverlust in den nächsten 16 Jahren aus. Überalterung ist die Folge. Es gibt kaum noch Menschen zwischen 20 und 40, “in meinem Alter”, sagt Felix Ringel.
Einmal hatte die ehemalige Industrie- und Bergbaustadt die wohl vollständigste Plattensammlung Ostdeutschlands zu bieten – von der frühen Platte mit Spitzdach und bunter Fassade, über die ganz besondere in Form eines Ypsilons bis zu den neueren, schmucklos-kahlen Modellen.
Der Anthropologe erlebt das Thema Schrumpfung hier als allgegenwärtiges Thema. Es bedeute, in einer Stadt mit ungewisser Zukunft zu leben, erklärt er, einer Stadt, die durch den Systemwechsel einen kompletten Bedeutungsverlust erlebt hat: Nur die Isolierung machte den Energiestandort Hoyerswerda nötig. Mit dem Fall der Mauer verlor Hoyerswerda seine wirtschaftliche Bedeutung.
Felix Ringel ist längst mehr als ein passiver Beobachter, er ist mit seinem Forschungsgegenstand verwachsen. Er setzt sich für Hoyerswerda ein. Dort ist er ein bunter Hund. In der Lokalzeitung reflektiert er seine Beobachtungen in einer eigenen Kolumne. Er setzt sich für linke Kultur und besonders die Jugendlichen ein, für die er auch ein mehrtägiges Anthropologie-Camp organisierte. Aus der rechten Szene hat ihm sein Engagement Ärger eingebracht, sein Bild hat er schon auf einem rechten Hetz-Flyer gefunden.
Den Medienrummel nutzt der Doktorant, um die positiven Seiten der Stadt hervorzuheben, die Kulturprojekte und die Solidarität unter den Menschen. Damit versucht er, dem negativen Image, das das Interesse der Medien ja erst befördert, entgegen zu steuern. Für viele Hoyerswerdaner ist er ein Hoffnungsträger, eine Art “Botschafter von Hoyerswerda”.
So jemand wird hier dringend gebraucht. “Hoyerswerda ist ja gar nicht so schlecht”, meint Benny, einer von Felix’ jungen Gastbrüdern, “man darf hier nur nicht aufwachsen”.
> “Eine Stadt baut ab”. Tagesreport auf radio multicult2.0
Tags: Anthropologie, Menschen, Ostdeutschland, Soziologie, Stadtsoziologie, Wissenschaft
