WP: Von “Open Source” zu “Open Culture”?
Lektüre zur Wikipedia-Podiumsdiskussion#1
Siehe Post zur Konferenz
Hier der erste Text von Felix Stalder: “On the Differences between Open Source and Open Culture” (2006). Felix Stalder vergleicht die Bedingungen der Produktion von Open-Source-Software mit denen in anderen kulturellen Bereichen, insbesondere der Wikipedia. Das Free and Open Source Software Movement (FOSS) hat aus Stalders Sicht eine neue Produktionsweise, “a new mode of production”, etabliert. Das Prinzip dahinter: Vier Freiheiten, die in der General Public License (GPL) festgehalten sind, und mit bestimmten Pflichten einhergehen:
freedom to use a work for any purpose, freedom to change it, freedom to distribute exact copies of it, and freedom to distribute transformed copies. These freedoms are made practicable through the obligation to provide the necessary resources; for software, this is the human-readable source code (rather than just the machine-readable binaries, consisting of nothing that ones and zeros).
Lassen sich Prinzipien und Produktionsweise, die die Open-Source-Bewegung etabliert hat, auch auf andere kulturelle Sphären übertragen? Könnte auf Grundlage der FOSS-Prinzipien eine neue Form der Kultur, eine “Open Culture” entstehen?
Die meisten Versuche, Open-Source-Prinzipien in andere kulturelle Bereiche zu übertragen, hält Stalder für nicht nennenswert. Nur die Wikipedia scheint ihm bedeutend genug. Er folgert deshalb:
„The exceptional status of Wikipedia suggests that the FOSS model is not easily transferable to other domains of cultural production“
Aus Stalders Perspektive ist der Erfolg des Free and Open Software Movement auf ganz bestimmte Bedingungen zurückzuführen:
Stalder vergleicht die Entstehungsbedingungen der Wikipedia mit denen der FOSS und stellt fest:
“In terms of modularity and economic structure, Wikipedia is very similar to software development. […] Another reason for its success is that the Wikipedia community has managed to create a widely shared understanding about what a good article should look like (it’s called the ‘neutral point of view’, NPOV).”
Mehr Augen sehen mehr Fehler. Doch dies gilt nur für bestimmte Aspekte der Wikipedia-Inhalte, wie Stalder bemerkt:
It holds more or less true for formal aspects, like spelling and grammar, which can be assessed simply by reading the article. However, in terms of the actual content, this model clearly shows its limits. Often, the actual facts are not easy to come by, and are not available online. Rather, in order to get the fact, you need access to specialized resources that few people have. If such facts are then included and contradict common knowledge, the chances are, that they get corrected as mistakes by people who think they know something about the topic, but whose knowledge is actually shallow.
Das zentrale Problem ist für Stalder das der Autorität und der Expertise. Die Wikipedia sei als egalitäres Projekt gegründet worden, zu dem jeder gleichermaßen beisteuern könne. Für Stalder ergibt sich aber das Problem, dass Mehrheitsentscheidungen gerade einer falschen Deutung oder Tatsache zum Überleben verhelfen können. Seine Diagnose lautet deshalb:
Wikipedia is caught in the problem that it does not want to restrict the rights of average users in favour of experts, but, rejecting formal credentials, it does not have a reliable way to assess expertise e.g. the number of entries, or other statistical measures, show devotion, but not expertise.
Sein Label für diese Umgehung des Themas “Expertise” labelt Stalder “undifferentiated openness”:
Everyone can have a say and the most tenacious survive.
Dies ist, so schreibt Stalder, einfacher Egalitarianismus, “simple egalitarianism”. Die tatächliche Organisationsstruktur von Open-Source-Projekten sei demgegenüber nicht egalitär, argumentiert er. Eine der Aufgaben dort sei auch immer, das qualitative Absacken durch schlechtere Beiträge zu verhindern: to “prevent its degradation from the addition of low quality material”. Stalders Fazit:
Wikipedia illustrates the difficulties of reaching a certain level of quality on the basis of undifferentiated openness.






In diesem Aufsatz wird differenziert der Konflikt zwischen partizipativer Teilhabe und Qualität diskutiert, der in der Debatte über die demokratischen Potentiale des Social Web nicht nur am Beispiel Wikipedias sichtbar wird. So muss insbesondere die gegenwärtige Diskussion zu POLITISCHER Teilhabe im ‘Mitmach-Netz’ kritisch erörtern, inwiefern bürgerschaftliche Handlungskompetenzen von Medienkompetenzen überlagert werden. Ist die Rekonfiguration des Politischen und politischer Partizipationskulturen im Social Web möglicherweise vorwiegend von einer Technikelite geprägt bzw. epistemologisch geprägt? Ist die Diskussion von Kulturkritik (Keen 2007) versus „architectures of participation“ (O’Reilly 2005) wirklich das zentrale Thema?
Zur Idee “undifferentiated openess”: Diese is m.E. direkt ablesbar in den sog. “Gesichteten Versionen”. Hier wird versucht, keine fachliche Prüfung vorzunehmen, aber eine “gewissene Grundqualität” zu sichern.
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Gesichtete_Versionen
PS: Eine quantiative Studie zu den Konsequenzen der Einführung der Gesichteten Versionen hat Felipe Ortega durchgeführt. Erste Ergebnisse werden hier vorgestellt: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/22/Felipe_Ortega%2C_Flagged_revisions_study_results.pdf
@jojoon
Was heißt das konkret? Je mehr Medienkompetenz jemand hat, desto mehr kann er/sie mitentscheiden, weil er die Tools besser kennt?
Im Bezug auf Stalders Argument, dass ein einzelner Experte sich schwer gegen viele Nichtexperten durchsetzen kann, ändert das aber nichts: Der Experte und die Nichtexperten haben vielleicht die gleichen Medienkompetenzen, aber unterschiedliches Wissen. Das Mehrheitsprinzip ist an der Stelle das Problematische, oder nicht?
Du schreibst ja, es geht dir um die Diskussion zu politischer Teilhabe. Ist damit auch die Wikipedia gemeint? Was heißt in diesem Zusammenhang “epistemologisch”?
Was beinhaltet denn diese Diskussion und inwieweit könnte sie am Thema vorbeigehen?
@jojoon Re: Gesichtete Versionen
Wieso führt die Wikipedia nicht ein, dass – soweit möglich – auch eine fachliche Sichtung stattfindet?
re:
Ja, ich denke, dass Medienkompetenz wie Interface-Design zentral sind, um ein Projekt wie Wikipedia zu verstehen und sich einzubringen. So lässt etwa die Nutzung sekundärer technischer Hilfsmittel – den so genannten [[de:Wikipedia:Helferlein]] bzw. [[en: Wikipedia:Tools]] – vermuten, dass sich Versionsgeschichten vor allem von kundigen Usern rekonstruieren lassen, da die Listen der Versionsgeschichten selbst zwar einzelne Änderungen akribisch sichtbar machen, jedoch keine Editiermuster und -anteile einzelner User oder Diskussionsthemen verdeutlichen. Mit der Bereitstellung der Versionsgeschichten bietet die Online-Enzyklopädie zwar die Möglichkeit, aktuelle Aushandlungsprozesse, die in den Objekten – sprich den Artikeln – selbst nicht mehr sichtbar sind, zu rekonstruieren, dies jedoch mit Blick auf eine ‘long history’ eines Artikels nur für eine echte Wikipedia-Kennerin. (Verschiedene Tools habe ich auf der folgenden Seite unter dem Punkt “tools for researching the web & in particular the wikipedia”) zusammengestellt.
re:
Ich denke, dass das Hauptargument von Felix Stalder in erster Linie von der Unübersetzbarkeit ‘funktionaler’ Qualitätssicherung von Open Source in Open Culture handelt, da dann die Entscheidung getroffen werden müsste, wer (oder was) in einem “peer-review-process” als Peer und wer (oder was) als Reviewer gilt und wie man so solchen werden kann:
… und weiter schreibt er:
Und ich denke gerade deswegen, dass im Sinne der “Freiheit der Aneignung” Medienkompetenz wie Interface-Design zentral für die Entfaltung dieser Freiheit sind.
Ein weiterer Aspekt, der die Unterscheidung Experte/Nicht-Experte (nicht) betrifft ist, dass Stalder hier von neuen Autorenschaftsmodellen und “community involvement” spricht. Damit betont er die mögliche Veränderung von Kullturen zu ‘open cultures’, in denen dann doch notwendigerweise neben Involvement auch die Bereitschaft einer gewissen Autonomieabgabe Voraussetzung ist. Inwiefern Experten Autonomie an Nicht-Experten abgeben oder Nicht-Experten an Experten bleibt erstmal dahin gestellt, da dies die Frage berührt, wie Qualität zu definieren ist und welche Kritieren der Qualitätsmessung sich daraus ergeben. Qualität und die Frage von (Nicht-)Expertise tritt in dieser Situation der Unklarheit in der Hintergrund:
Ja, eine Perspektive auf die Wikipedia, die ich gerne beleuchten möchte, ist, inwiefern Wikipedia unterschiedliche oder gemeinsame politische Wissenskulturen in den unterschiedlichen Sprachversionen hervorbringt und spiegelt. Jüngere Diskussionen um den Zusammenhang von Medienwandel und der Rekonfiguration des Politischen nehmen ihren Ausgangspunkt in der Feststellung, dass technologische Innovationen wie das Social Web mit neuen Optionen für Bürger und Medien einhergehen. So würde nun Wissensproduktion auch in den Händen von Medien und Bürgern liegen. Gerade im Internet sind öffentliche, kollaborative Formen der Koproduktion von Wissen entstanden, in denen durch die Einbeziehung von Laien neue Wissenskulturen entstehen. Wikipedia bildet also ein sichtbares Beispiel, an dem die Verflechtung von Medienwandel und dem Wandel von Wissenskulturen abzulesen ist: Auf der mehrsprachigen Plattform erzeugen verschiedenste Akteure gemeinsam Wissen, wobei Wikipedia von den Akteuren selbst (auch) als Raum der Kämpfe um Deutungshoheit und Definitionsmacht verstanden wird. Wenn dann weiter davon ausgegangen werden kann, dass Wissen sozial konstruiert und innerhalb von Gesellschaften begründet ist, dann spielt das Politische immer schon im Prozess der Wissens(re-)produktion eine Rolle – gerade eben im öffentlichen Kampf um Deutungshoheit über Wissen, welches die Grundlage für kollektive Entscheidungen in spezifischen politischen Systemen bildet. Epistemologisch heißt hier sozusagen dann auf die Grundlage, auf welche dieses Wissen fußt, zurückzugehen und zu erforschen, mit welchen Geltungsansprüchen und Normen Wissen in konkrekten Praktiken der Wissenserzeugung verbunden wird. Warum setzen sich z.B. bestimmte Wissensclaims stärker durch als andere und zeigen darin eine gewisse Robustheit? Mit der Wahl dieser Forschungsperspektive knüpfe ich an das Konzept der “civic epistemologies” von Sheila Jasanoff an, die es wie folgt kurz und knapp auf den Punkt gebracht hat:
Das bedeutet nicht zu diskutieren, was die bessere oder schlechtere Art von Wissensgenerierung ist, sondern dahinter zu schauen, welche Annahmen und Geltungsansprüche mit Wissensgenerierung verbunden werden — wie es z.B. in überzeichneter Weise auch von Journalisten wie Colbert bereits vorgemacht wurde (vgl. http://www.colbertnation.com/the-colbert-report-videos/72347/july-31-2006/the-word—wikiality). Die Diskussion Kulturkritik (Keen) versus „architectures of participation“ (für eine unterhaltsame Ausprägung dieser Diskussion vgl. http://fora.tv/2008/02/28/Jimmy_Wales_and_Andrew_Keen_Debate_Web_2_0#fullprogram) zeigt m.E. verschiedene Positionen, die aus solchen Dokumentationen genauso in ihrer epistemologioschen Tiefe herausgearbeitet werden können wie in der Analyse einer Wikipedia-Diskussionsseite … oder ex negativo in der Untersuchung der gelöschten Einträge.
[...] der eher zerstreuten öfentlichen wie wissenschaftlichen Diskussion über Wikipedia auf ihrem Blog zusammen. Den Anfang hat der Text “On the Differences between Open Source and Open [...]
Die meisten Wikipedia-Leser, die nur so eben mal vorbeigesurft kommen, dürften doch folgendes hoffen: Dass das, was man da liest, richtig ist, was die Fakten angeht, so gut recherchiert, dass man sich auf die Angaben verlassen kann – und wenn es nicht um Fakten geht, sondern Positionen, dass es sich um eine ausgewogene Darstellung handelt. Wäre dein Ideal, dass die Versionsgeschichten so einfach verstehbar werden, dass ich selbst, wenn ich nur kurz bei einem Artikel verweile, verstehe, was die umstrittenen Aspekte bei Erstellung des Artikels waren oder noch sind?
Die Links sehe ich hier grade nicht.
Aber Stalder schreibt doch, dass die Qualitätssicherung von Open-Source-Projekten und das Peer-Review-Verfahren in der Wissenschaft nicht so weit voneinander entfernt sind. Ist Wikipedia nicht ein Ort, wo Wissen aufgeschrieben wird, und damit nicht weit entfernt von Wissenschaft? Natürlich kann auch ein Diplom täuschen, und auch Fachleute irren sich. Aber im Grund müsste das doch auch in der Wikipedia funktionieren. Ist das Problem, dass Einschätzungen von Kompetenz durch professionellen Hintergrund oder Bildungsabschlüsse dann wieder “unfreie” Hierarchien schaffen?
Was bedeutet denn “Freiheit der Aneignung”? Ich kann mir da wenig drunter vorstellen.
@Anja:
tools: http://transnationalspaces.wordpress.com/browsin/ (runter scrollen bis zur Sektion “:::: tools for researching the web & in particular the Wikipedia”
@Anja:
Ja, ich fände es gut, wenn man auf der Wikipedia direkter sehen könnte, was die kontroversen/umstrittenen Aspekte eines Artikel sind
@ Anja:
Der entscheidende Absatz hierzu ist m.E.:
Mit dem letzten satz benennt er die krux: wer ist bei Wikipedia der peer/reviewer? ANYONE:
@Anja
Sowie ich den Text verstehe, die F(L)OSS-Freiheiten:
freedom to use a work for any purpose, freedom to change it, freedom
“to distribute exact copies of it, and freedom to distribute transformed copies.”