WP: Die Lösch- und Relevanzdebatte

Lektüre zur Wikipedia-Podiumsdiskussion#2

Siehe Post zur Konferenz

Wikipedia – Wegen Irrelevanz gelöscht„, das war der Titel des Panels auf dem 26. CCC-Kongress 2009, in dem die Löschpraxis in der Wikipedia diskutiert wurde. Als Einführung gab es ein Hörspiel. Gestritten wird da um einen Artikel und die Frage: Soll der Eintrag aus der Online-Enzyklopädie gelöscht werden, weil das dort beschriebene Thema unbedeutend, irrelevant ist? Oder darf er bleiben, gemäß dem Prinzip ‚in dubio pro articulum‘?

Weitere Teile des Diskussions-Mitschnitts auf Youtube (hier 1-5/14)

Interessant ist nicht nur der Einblick in die langwierigen Diskussionen, die Wikipedia-Autoren um einzelne Artikel führen, sondern auch der bürokratieartige Jargon, der dabei zum Einsatz kommt: „Löschantrag gemäß WP:LAE Fall 2b – entfernt.“

Ganz normal findet Mathias Schindler, derzeit Projektmanager bei Wikimedia Deutschland, dass so über Artikel diskutiert wird:

Was für mich erstaunlich ist in der ganzen Debatte, ist, wie viele Menschen sich überrascht zeigen erstens, dass es überhaupt Löschdiskussionen als solche gibt. Damit müssen viele Wikipedianer erstmal klar werden, dass sie tatsächlich an einem Medium schreiben, dass zwar alle benutzen, aber wo […] nur ein kleiner Teil sich die Zeit, sich die Muße nimmt und […] sozusagen die Schmerzen antut, in diese Innereien reinzugehen und sich die ganzen Diskussionen anzuschauen.

Schindler räumt aber ein, dass die Mechanismen zur Erstellung der Enzyklopädie möglicherweise „gehörig überarbeitungsbedürftig“ seien – nur „im Moment das beste, was wir haben“.

Dagegen kontert Wikipedia-Autor Martin Haase alias „maha“:

„…es gibt nicht nur eine Wikipedia, es gibt verschiedene Sprachen. […] in Deutschland versucht man tatsächlich einen Sonderweg zu gehen. Denn wenn ich die Relevanzkriterien in der englischen Wikipedia sehe, sind die sehr viel liberaler und damit eigentlich auch sehr viel angemessener für ein Online-Projekt. Ich habe wirklich den Eindruck, dass das Ideal von freiem Wissen dort sehr viel deutlicher realisiert ist.“*

Grundlage für Haases Kritik ist eine Definition „freien Wissens“, die er in diesen Folien umreißt: Für Haase beinhaltet freies Wissen freie Verfügbarkeit und Wiederverwendbarkeit. Dies sei dann nicht mehr gegeben, wenn Artikel gelöscht würden, auf die von außen bereits zahlreich verlinkt wurde: Links gehen dann ins Leere, das zuvor geschaffene Wissen ist weder frei verfügbar noch wiederverwendbar.

„Freie Wählbarkeit“ ist für ihn ein weiteres Kriterium. Damit verschiebt sich die Entscheidung, was relevant ist, von den Administratoren auf die Nutzer: Alles, was Menschen suchen, ist relevant, weil sie es suchen. Werden dennoch Artikel aus Relevanzgründen gelöscht, müsse dies auf „allgemein sichtbar“ gemacht werden, so die Forderung.**

Auch Tim Weber, der sich selbst als aktiver, aber nicht intensiver Autor der Wikipedia beschreibt, ist der Meinung, dass man Artikel nicht einfach als irrelevant einstufen und löschen darf:

„Das kann ja so nicht sein. Da gehen Leute her und investieren Massen ihrer Freizeit da rein, um Wissen zusammenzutragen. Und dann kommt irgend so’n Hansel daher und sagt: Ja, das ist nicht relevant, das wird gelöscht.“

Das sei, so Weber, als würde jemand Bilder seiner Katze auf der Fotoplattform Flickr hochladen und dann aufgefordert, sie aufgrund vermeintlicher Irrelevanz zu löschen.

„Warum müssen denn überhaupt Artikel wegen Relevanzkriterien gelöscht werden? Denn eigentlich gibt es immer irgendwelche Leute für die ein bestimmter Artikel relevant ist. Wenn auch nur eine Person in Google diesen Namen eingibt, diesen Begriff, und kommt in die Wikipedia und liest da – und wenn’s nur drei Zeilen sind dadrüber – dann ist der Person geholfen.“

Weber schlägt einen radikal anderen Ansatz vor: Statt Relevanz zu definieren und einheitlich durchzusetzen, könnten verschiedene Standpunkte in verschiedenen Wikipedias stehen. Diese Idee möchte Weber mit dem Projekt „Levitation“ umsetzen: Die Wikipedia wird dezentral, indem jeder Nutzer eine eigene Wikipedia einrichtet. Verschiedene Nutzer sollen dann gute Inhalte miteinander austauschen können. „Hast du nicht gerade das Internet neu erfunden?“ ist Mathias Schindlers Einwand.

Worum geht es eigentlich in der Relevanzdebatte? Geht es darum, Ressourcen wie den Arbeitsaufwand des Projekts, das vor allem ehrenamtlich betrieben wird, besser handhaben zu können? Oder geht es darum, die Qualität zu steigern? Die Diskussion, bis zu welchem Grad Inhalte kuratiert werden sollen, führt Andreas Bogk auf zwei verschiedene Standpunkte zurück:

„Da kommen, glaube ich, zwei verschiedene Qualitätsmetriken ins Spiel, nämlich einmal […] durchschnittliche Artikelqualität, und die geht natürlich hoch, wenn man unterdurchschnittliche Artikel löscht. Und es gibt andere, die sagen, der Qualitätsmaßstab ist die Menge der Information, die man rausziehen kann“

Die Informationsarchitektin Regine Heidorn fasst den Streit zwischen „Inkludisten“ und „Exkludisten“ in ihrem Artikel „Das Drama der Relevanz“ folgendermaßen zusammen:

Der gesammelte Unmut spaltet sich in zwei Lager: Inkludisten und Exkludisten. Erstere vertreten den Standpunkt, da genügend Serverplatz zur Verfügung stünde, könnten unfertige oder noch nicht genug recherchierte Einträge erhalten bleiben. Auch als Aufforderung, die Einträge zu verbessern und damit als Anreiz zur Mitarbeit bei Wikipedia. Die Exkludisten dagegen argumentieren, bestehende Einträge müssten auch gepflegt und aktualisiert werden, das wäre nicht für jeden Eintrag möglich, die Nutzergemeinde sei zu klein. Daher sei es besser, Einträge, die nicht genügend ausgearbeitet seien oder den Relevanzkriterien von Wikipedia nicht gerecht werden, gleich zu löschen.

Auf Heidorns Artikel meldet sich mit „fatmike182“ als Befürworter der Relevanzkriterien zu Wort:

„Soweit mir bekannt ist werden Beiträge ohnehin nahezu nie gelöscht — sie werden einfach für den User nicht sichtbar gemacht, wenn überhaupt auf andere Datenbanken ausgelagert […] je mehr relevant ist, desto weniger relevant ist es (Wikipedia ist nicht teh net, es soll Ansprüche geben & es soll eine Ehre sein von der Wikipedia erfasst zu werden.“

*Andreas Bogk bemerkt im Verlauf der Diskussion, dass es in der deutschen Wikipedia seit 2006 keine gekennzeichneten „Stub“-Baustellen mehr gibt, die dem Leser anzeigen, dass ein Artikel kurz ist. Solche Artikel gehen ihm zufolge direkt in eine Qualitätssicherung und werden im Zweifelsfall gelöscht.

**“Wahr“ oder „den Tatsachen/dem Wissensstand entsprechend“ kommt in Haases Katalog interessanterweise nicht vor (wohl weil Haase eher den Begriff „frei“ als den Begriff „Wissen“ definiert).

Weitere Links:

2 Antworten auf „WP: Die Lösch- und Relevanzdebatte“

  1. Schöne Zusammenfassung zur Vorbereitung der Diskussion. Ich bin neugierig, ob und was sich in den letzten Monaten bei der Wikipedia getan hat. Einige Schritte wurden ja immerhin unternommen, um z. B. die Software (Mediawiki) nutzerfreundlicher zu machen.
    Was mich persönlich an der sog. Löschdiskussion gestört hat, ist tatsächlich der verwalterische Umgangston, als ob die Mitarbeit bei der Wikipedia allein darin bestünde, nach Regeln zu funktionieren, ohne diese adäquat auf den konkreten Anwendungsfall zu reflektieren. Das ist jedoch ein Problem, daß ich aus auch anderen, vor allem weltweiten communities kenne, Geocaching.com z. B., wo die Reviewer sich bei der Veröffentlichung von Geocaches allein auf die Regeln berufen, nicht jedoch unterschiedliche Nutzungen der Suchenden beachten.
    Wenn diese unterschiedlichen Nutzungsweisen (bei Wikipedia z. B. auch die Nutzung als Datenbank für durchaus angesehene Forschungsprojekte) nicht in die Regularien zurückfliessen, entfernt sich eine Web-Plattform zwangsläufig von ihren Anwendern (sowohl den Inhaltserstellern als auch den Inhaltsnutzern). Und ich fürchte, da hilft auch kein Schrauben an der Software …

  2. Wie sehr sich etablierte Medien schon auf die Wikipedia verlassen, zeigt ein Beispiel, von dem ich neulich auf einem Meeting zum Thema Datenjournalismus erfahren habe:

    Tom Scott von der BBC erklärte, die Wikipedia sei das „Background Information Content Management System“ für die Themenfelder Musik und Natur.

    So erscheinen im „Wildlifefinder“ Informationen der Wikipedia, mit Kennzeichnung der Quelle und Hinweis, etwaige Fehler bitte dort zu korrigieren. Die Inhalte bei der Wikipedia in den Bereichen Musik/Naturwissenschaft seien bereits sehr gut, meinte Scott. Es sei (zu) aufwändig, diesselben Informationen durch Journalisten zusammentragen zu lassen.

    Das „Content Management System“ wird aber nicht nur zum Einbetten von Informationen verwendet. Laut Scott updaten BBC-Journalisten Korrekturen und ähnliches, soweit vorhanden, direkt im Wikipedia-Artikel zum Thema. So hätten alle etwas von der Recherche, so Scott.

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