Der Müllmann der Meere?

Boyan Slat ist 18 Jahre alt, als er im Oktober 2012 auf die Bühne tritt. Schlaksig steht er in der Aula der Technischen Universität Delft, ein bisschen nervös und die langen braunen Haare tief im Gesicht. In fließendem Englisch präsentiert der junge Niederländer auf der TEDxDelft-Konferenz seine Idee: Eine Plattform, die den pazifischen Ozean vom Plastikmüll befreien soll.


„Why move through the oceans, if the oceans can move through you? I believe the Great Pacific Garbage Patch can completely clean itself – in just 5 years.“ Und das beste, triumphiert der Erfinder: Das „Ocean Cleanup“-Projekt sei sogar profitabel! 500 Millionen Dollar könne er aus dem alten Plastik herausholen – und den Müllwirbel im Nordpazifik in nur 5 Jahren sauber machen.

Als sich das Video seines Vortrags ein halbes Jahr später viral im Netz verbreitet, kommen bei einer Crowdfunding-Kampagne in nur 15 Tagen über 80 Tausend Euro an Spenden zusammen. Der Zuspruch ist so leidenschaftlich wie die Kritik. So schreibt der Umweltaktivist Stiv Wilson, der mit der Organisation 5 Gyres um die Welt segelt und Plastikproben sammelt:

„Die Reinigung der Meereswirbel ist eine Prophezeiung aus dem Märchenland und wird nicht funktionieren. Sie ist gefährlich und kontraproduktiv für die, die ernsthaft versuchen, den Zufluss an Plastik in die Ozeane zu stoppen. Die Idee spielt der Industrie in die Hände, und schlimmer noch, sie lenkt ab von den weniger aufregenden, realistischen Lösungen.“

Wenn wir darauf bauen, dass sich Plastik wieder aus dem Meer holen lässt, sinkt die Motivation, das Problem wirklich an der Wurzel zu packen, befürchten Umweltschützer wie Wilson: Man müsse an der Quelle anfangen, an Land bei Produktion, Konsum und Abfallmanagement, spätestens aber, wenn der Müll die Flüsse herunter treibt. Auch für ihn ist Vorbeugung der wichtigste Schritt, sagt Boyan Slat – doch noch lange kein Argument gegen seinen Plan.

„Teilweise schien es ihnen gelegen zu kommen, wenn es keinen Weg gäbe, das Plastik aus dem Meer zu holen. Ich denke aber, wenn man es tatsächlich schafft, den bestehenden Müll von dort zu entfernen, sollte das kein Grund sein, mit der Verschmutzung weiterzumachen, sondern eher eine Motivation, damit aufzuhören.“

Doch die Kritiker attackieren auch Slats technisches Konzept. Die Ozeane seien zu groß, tief und stürmisch für das Projekt, der Plan unausgegoren, und die Konstruktion selbst eine potenzielle Gefahr für Meerestiere. Das will Boyan Slat nicht auf sich sitzen lassen. Zusammen mit Unterstützern testet er seine Idee in der DREAM Hall der Universität Delft. Das Kürzel steht für die „Dream Realisation of Really Advanced Machines“, hier sollen die Träume von sehr ausgefeilten Maschinen wahr werden. Mit Simulationen und Tests im Nordatlantik will das Team beweisen, dass der Plan doch funktioniert. Im Juni 2014 betritt Boyan Slat wieder die große Bühne – diesmal in New York:

„Human history is basically a list of things that couldn’t be done, and then were done!“

Slats Pathos ist derselbe, doch sein Plan ist geschrumpft. In der über 500 Seiten langen Machbarkeitsstudie, die er mit rund 100 Wissenschaftlern und Freiwilligen erstellt hat, präsentiert er ein völlig neues Design. Eine Plattform, die doppelt so lange braucht, aber nur noch die Hälfte schafft, und nur größere Teile sammeln kann, kein Mikroplastik. Profitabel dürfte das 300 Millionen Euro teure Projekt nun nicht mehr werden. Trotzdem gibt Slat nicht auf.

„Es galt als nicht möglich. Aber auf Grundlage unserer Studie gibt es keinen einzigen Grund, dass es nicht doch gemacht werden könnte – es ist realisierbar!“

Boyan Slats Kritiker wirken längst genervt und würden sein Projekt, das die gängigen Methoden der Wissenschaft einfach umgeht, am liebsten ignorieren. Wenn da nicht die Aufmerksamkeit wäre, die Slat im Internet bekommt. Ozeanografin Kim Martini hat Slats neuen Vorschlag nun deshalb doch in einem Artikel analysiert.

„Nach der technischen Überprüfung der Machbarkeitsstudie kommen meine Kollegin Miriam Goldstein und ich zu dem Schluss, dass das Projekt in der derzeitigen Form nicht umsetzbar ist. Die Verankerung wäre die größte Konstruktion, die der Mensch jemals ins Meer gelassen hat. Sie ist nicht ausreichend auf die Bedingungen im Ozean ausgerichtet, etwa wenn sich Meereslebewesen dort ansiedeln. Das Ganze ist zu wenig durchdacht und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern.“

Der Tiefseeforscher Craig McClain veröffentlichte auf dem Blog DeepSeaNews eine satirische Zusammenstellung ausgedachter Maschinen zur Meeresreinigung von steampunk-artigen Traummaschinen bis zu genetisch manipulierten Haien, die Plastik fressen. Ungeachtet des Hohns sammelt Boyan Slat mittlerweile die ersten Millionen für die nächste Phase der Entwicklung. Und weil er mit seinen gerade einmal 20 Jahren weder bescheiden ist noch beratungsresistent wirkt, dürfte man von diesem Störenfried wohl auch noch in Zukunft einiges hören.

Eine Langfassung des Beitrags (10:30 Minuten) gab es am 15.08.2014 bei „Neugier genügt“ (WDR5) zu hören: Große Spendenbereitschaft – und Kritik: Student will Meer von Plastikmüll befreienKommentare auf facebook


Fotos: Presse/The Ocean Cleanup

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