Callum Roberts über uns und das Meer

In „Der Mensch und das Meer“ erzählt der Meeresbiologe Callum Roberts von den großen Umwälzungen, die wir Menschen dem Meer gebracht haben. Von den persönlichen Beobachtungen, die der Wissenschaftler in Korallenriffen in aller Welt macht, über den historischen Abriss von viereinhalb Milliarden Jahren Erdgeschichte Callum Roberts über uns und das Meer weiterlesen

Antrag auf Freiflug zum nächstliegenden Baum

Neulich rief die Kekstesterin an und hatte keine Kekse im Kopf, sondern die Lange Nacht der Illustration, die an diesem Abend in Berlin stattfand. Also zogen wir los, wanderten von Ort zu Ort und besuchten Buchhandlungen, Kunstläden und Ateliers.

In der schwankenden Weltkugel blieben wir hängen. Dort stellte die Illustratorin Ana Janeva ihr Buch „Gagala“ vor, ein Buch, das in keinen Bücherschrank passt und in keinem Verlag verlegt ist. „Und das bleibt in Zukunft auch so.“ Das Buch im Großformat wird nur in einer kleinen, per Hand im Bethanienhaus gefertigten Auflage hergestellt.

Ana Janeva wurde 1979 in Sofia in Bulgarien geboren. In „Gagala“, ihrer Diplomarbeit, erzählt die Zeichnerin von Befreiung, Migration, Neuanfang, und davon wie die, die vor unerträglichen Zwängen geflüchtet sind, selbst wieder neue aufbauen. Eine Fabel auf das Ausländerrecht.

Im Land Schrottingen leben die Tiere im Elend, eingesperrt von einem hohen Zaun. Als sie zu verhungern drohen, fassen sie einen Entschluss: „Rohe Gewalt hat immer gesiegt.“ – „Genau, schlagen wir uns um die Freiheit“. Und tatsächlich, die Tiere schaffen es sich zu befreien und machen sich auf, in Richtung des Waldes.

Dort, in Plata Morgana, lassen sie sich nieder. Damit das neue Land der Tiere vor den Menschen geschützt ist, werden Gasttiere gesucht, die einen Freiheitszaun erbauen.

Schon bald wird es im Wald zu eng. Die Tiere beschließen, ihn zu entgastifizieren. Regeln soll das die Paraglyphenordnung, die „der Ausgrenzung, Eingrenzung und Begrenzung von Auswäldlern dient“.

§8 STAND BY (1) Der Titel „Stand By“ erlaubt dem Auswäldler einer lohnfreien Tätigkeit im Streichelzoo nachzugehen. Diese Erlaubnis tritt jedoch nicht in Kraft, wenn ein Inwäldler für die gleiche Tätigkeit infrage kommt.

Allein für den Freiflug zum nächstliegenden Baum bedarf es nun eines formellen Antrags. Einreisende Antragssteller werden bis zur sogenannten „freien Entscheidung“ im Streichelzoo untergebracht, der Argwohn gegenüber Scheinehen zwischen In- und Auswäldlern wächst und die Zaunfabrik produziert immer neue Produkte gegen mögliche Bedrohungen: Zäune für den inneren Frieden, gegen lange Finger, spitze Zungen und zum Schutz vor Überraschungen.

Eines Tages eskaliert der Konflikt. Der Zaun brennt.

Ana Janevas Zeichnungen sind merkwürdig und schön, voller schwarzweißer Amöbenwesen, die sich auf den riesigen Seiten fast verlieren. Detailreich und mit großartigem Witz legt die Autorin die Absurdität von Bürokratie und Ausgrenzung frei.

Mehr von den Zeichnungen gibt es auf Ana Janevas Webseite zu sehen.

Bilder:
Szenen aus „Gagala“, mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Das Buch erscheint in nummerierter Kleinauflage und kann bei Ana Janeva bestellt werden. Preis: 78 Euro + Versand. Einzelne Motive sind als signierte Siebdrucke erhältlich.

Polymeer

Das Jahr 2043. Holland versinkt unter dem gestiegenen Meeresspiegel. Zwischen Treibgut und Wellen wird auch der Utrechter Chemiker Nero van Dijk ins Meer gerissen. Auf einem pinken Möbelstück treibt er einsam übers Meer, bis er Land entdeckt. Nein, kein Land, sondern Plastik – ein schwimmender Teppich aus Müll, aus dem bald der rettende neue Kontinent für Menschen aus aller Welt entstehen wird. Wie? Mit einer unglaublichen neuen Erfindung.

Eine „apokalyptische Utopie“ hat Alexandra Klobouk für ihr Bilderbuch „Polymeer“ gezeichnet. Sie erzählt vom Alptraum des vermüllten Meers und vom Traum, aus dem Abfall der Welt etwas Neues zu gestalten. Klobouk hat ihre Bildergeschichte material- und meergerecht plastisch, bunt und wild in Szene gesetzt, mit großzügigen Zeichnungen, Karten und Bezug auf Bilder, die wir aus den Medien kennen, wie der Schildkröte mit der Wespentaille, die in einen Plastikring eingewachsen ist.

Die Hoffnung, dass wir Menschen die magische Maschine entwickeln, mit der wir das Plastik wieder in den Griff kriegen, klingt naiv. Tatsächlich gibt es ernsthafte Projekte in diese Richtung. So versucht das US-amerikanische Projekt Kaisei solche Lösungen zu entwickeln. Nachgedacht wird etwa über künstliche Strände, an denen kleine Plastikpartikel, aber nicht Plankton hängen bleibt. Viele Experten halten solche Versuche aber für aussichtslos. Das sei, wie CO2 mit einem Staubsauger aus der Atmosphäre saugen zu wollen.

Ein richtiges Happy End gibt es auch in „Polymeer“ nicht. Plastik ist eben nicht das einzige Problem in Klobouks apokalyptischer Welt.

Im Abspann, einer Tafel über die realen Hintergründe, stellt Klobouk fest: „Es ist praktisch unmöglich den Müll aus dem Pazifik herauszufischen“. Auch das missverständliche Bild eines auf der Oberfläche schwimmenden Teppichs aus Plastik wird hier gerade gerückt.

Dazu zitiert Klobouk Informationen aus den Medien. Nur sind viele Angaben, die derzeit kursieren, unsicher: veraltet, spekulativ, wissenschaftlich nicht belegt. Solche Zahlen beeindrucken zwar. Sie erwecken aber auch die Illusion, dass wir das Problem zumindest intellektuell schon irgendwie im Griff haben.

Die Aufmerksamkeit für dieses neue Umweltproblem ist mittlerweile da. Vielleicht auch, weil die Geschichte vom Plastik mitten im weiten Ozean, weitab der Zivilisation, die Fantasie anregt, wie ein Gleichnis ist für die unbeabsichtigten Folgen unserer Wegwerfgesellschaft. Die Müllwirbel da draußen sind beängstigend und faszinierend zugleich. Das zeigt auch Alexandra Klobouks wunderschön gezeichnete Dystopie.

Alexandra-Klobouk
POLYMEER
eine apokalyptische Utopie
Onkel & Onkel Verlag, 2012

 

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