Medienresilienz – Glück in der digitalen Welt

Medienresilienz – Glück in der digitalen Welt

Buch-Besprechung bei Breitband im Deutschlandfunk Kultur

„Die Sehnsucht nach dem nächstem Klick“, so heißt das neue Buch der Medienforscherin Sabria David. Die Autorin beleuchtet darin die psychologischen und gesellschaftlichen Seiten des digitalen Wandels. Ich habe das Buch gelesen und für die Sendung Breitband rezensiert.

Martin: Anja, diesen Titel könnte man ja durchaus kritisch verstehen. Ist das wieder so ein warnendes Manifest nach dem Motto „Obacht vor dem Internet“? 

Anja: Nein, das ist es überhaupt nicht. Das Buch ist eher ein Aufruf dazu, die menschliche Seite der Digitalisierung nochmal wieder stärker in den Blick zu nehmen und viel aktiver mit ihr umzugehen, persönlich wie politisch. Das heißt, die Autorin sieht sowohl die Potenziale, das Gute, das uns das Internet gibt, als auch seine Schattenseiten und Gefahren. Und um damit konstruktiv umzugehen, sagt sie, müssen wir eine ganz neue Kompetenz ausbilden, nämlich die „Medienresilienz“. Das heißt, wir bilden Fähigkeiten aus, die uns helfen, dass wir mit dem digitalen Wandel so umgehen, dass er uns glücklich macht und weiterbringt, und nicht ständig überwältigt oder beherrscht.

Vera: Glücklich machen ist natürlich ein hoher Anspruch. Aber schauen wir mal auf den Begriff. „Resilienz“ bedeutet ja in der Lage zu sein, auf schwierige Situationen so zu reagieren, dass man daran nicht zerbricht oder langfristige Schäden erleidet – also eine Art Wiederstandskraft auszubilden. Und dass man sich durch die Krise auch weiterentwickeln kann. Wie kann man sich Resilienz jetzt vorstellen in Bezug auf unsere Beziehung zu den Medien?

Anja: Da stellt Sabria David erstmal ganz grundlegende Fragen, die sie nicht nur in die Medientheorie führen, sondern auch in die Glücksforschung. Das heißt, sie fragt, wo finden wir eigentlich Glück und Erfüllung im Leben? Und die Autorin zitiert da eine Studie, wo eine Gruppe Männer ihr ganzes Leben begleitet wurde – das waren Absolventen einer Elite-Universität, also nicht ganz repräsentativ, trotzdem spannend, was dabei rauskam. Das war nämlich, dass es am Ende gar nicht so wichtig war, wie objektiv erfolgreich die Leute waren. Sondern der zentrale Faktor dafür, dass sie ihr Leben als gelungen betrachteten, waren die Beziehungen – also dass sie echte und tiefe Bindungen zu anderen Menschen aufbauen konnten. Und genau dabei helfen uns die digitalen Medien ja auch: Wir können Beziehungen pflegen zu Familie und Freund*innen, auch neue Menschen im Netz kennen und manchmal sogar lieben lernen. Und genau das ist ja oft die Versprechung, die wir verspüren, wenn das Handy piepst oder vibriert. Da kommt halt das Signal, dass da vielleicht jemand an einen denkt, oder dass man Antwort bekommen hat auf etwas, was man selbst geposted oder gesagt hat. Das heißt, wir suchen in der digitalen Welt ja nicht nur nach Informationen oder nach Wissen, sondern wir suchen eben auch nach Beziehungen, nach Halt, nach Resonanz – und auch sowas wie das Lagerfeuer, um das wir uns scharen und Geschichten erzählen können.

Martin: Dieses digitale Lagerfeuer das ist ja eher was positives. Aber manchmal hat unser digitales Leben auch negative Auswirkungen auf die Beziehungen, die wir ganz direkt führen. Wenn wir immer nur an den Geräten hängen, durch unsere Timelines scrollen, ständig auf Likes und Kommentare reagieren oder in virtuellen Welten spielen – und das überhand nimmt. Dann sind wir zwar physisch anwesend, aber übers Gerät eben auch ganz weit weg. Viele kommerzielle Plattformen versuchen uns ja sogar dazu zu bringen, möglichst lange auf ihren Seiten zu bleiben, damit wir ihre Werbung anschauen und Profite für sie einbringen. Wie findet man da überhaupt die Balance?

Anja: Da lehnt sich Sabria David ganz stark an die Bindungstheorie an. Sie sagt, wenn Kinder eine gute, gesunde Bindung zu ihren Eltern haben, dann sind sie sich deren Liebe sicher und können raus, die Welt erforschen und sich dadurch entwickeln. Das heißt, bei einer sicheren Bindung hat man keine Angst, dass die Eltern dann nicht mehr da sind, wenn man von seinen Abenteuern draußen zurückkommt. Und so ein Verhältnis, also so ein Urvertrauen, brauchen wir auch eigentlich über die digitalen Technologien, ist ihre These. Das heißt, wenn wir sowas wie die FOMO haben, die Fear of Missing Out – also Angst etwas zu verpassen, dann haben wir eigentlich noch keine sichere Bindung. Dann zieht es uns zu den digitalen oder sozialen Medien, weil wir eben nicht sicher genug sind, dass wir uns auch mal ausklinken dürfen. Wenn man diese Angst aber nicht hat, und ganz selbstbewusst ist, dann kann man die Technik einfach nutzen, wenn man sie wirklich braucht und wenn sie einem gut tut. Und wenn man sie nicht braucht, nutzt man sie eben nicht. Das heißt, Medienresilienz braucht die Fähigkeit, ganz souverän Abstand nehmen zu können, Pausen zu machen, sich bei Bedarf abzugrenzen – ohne die Angst, dass man vergessen wird oder was verpasst. Aber der Plattformkapitalismus ist natürlich da das Problem, der treibt uns gerade natürlich genau in die andere Richtung – und das ist für Sabria David natürlich auch eine gesellschaftspolitische Frage: Wem gehören diese öffentlichen Orte, und nach welchen Algorithmen funktionieren die? Können wir da vielleicht Alternativen schaffen?

Vera: Das Buch verspricht ja auch praktische Vorschläge, wie so eine Medienresilienz umgesetzt und entwickelt werden könnte. Gab es da Beispiele, die dich überzeugen konnten?

Anja: Ja, auf jeden Fall. Sabria David hat wirklich viele schöne Vergleiche und Beispiele in dem Buch, von denen ich sehr viele sehr klug fand. Einer der Absätze, die ich besonders spannend und amüsant fand, war der zu beruflichen E-Mails. Da schreibt David, dass sich darin oft so eine Art Revierverhalten ausdrückt. Also, wenn Menschen ständig alle Leute ins Cc setzen oder auch im Feierabend oder an Wochenenden berufliche E-Mails verschicken – dass das oft ein Versuch sein kann, sich der Beziehung zu den anderen und der eigenen Position zu versichern, einfach aus Unsicherheit. Und oft ersetzen die E-Mails den mündlichen Austausch. Das führt dazu, dass die Menge an E-Mails noch mehr steigt, was mittlerweile ein Riesenproblem für viele Firmen geworden ist – weil dabei Stunden an Arbeitszeit drauf gehen. Deshalb empfiehlt Sabria David, dass man sich da im Betrieb ganz bewusst mit auseinandersetzt, wirklich klare Rahmen abspricht und setzt und das praktiziert, was sie digitalen Arbeitsschutz nennt. Und ähnlich kann man das auch für Familie oder Schule solchen Bedingungen für einen souveränen Umgang mit Medien schaffen.

Martin: Also, ein sehr empfehlenswertes Buch, findet zumindest unsere Kollegin Anja Krieger. „Die Sehnsucht nach dem nächsten Klick, Medienresilienz (und) wie wir glücklich werden in einer digitalen Welt“ von Sabria David ist als Taschenbuch im Patmos-Verlag erschienen.

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