Cykelsuperstier

Ich träume immer wieder davon, dass Berlin eine echte Fahrradstadt wird. Zum Beispiel wieder neulich auf dem Weg zur Arbeit. Da fahre ich öfter die Linienstraße in Mitte entlang, die seit einiger Zeit eine Straße für Fahrradfahrer ist. Autos können hier nur eingeschränkt fahren.

Die Straße ist mittlerweile unter FahrradfahrerInnen so beliebt, dass man sich morgens schon ein bisschen wie auf einer kleinen Fahrradautobahn vorkommt, mit allen Typen des Straßenverkehrs, mit träumenden Schlänglern, quatschenden Paarfahrern, sich abrackernden Tandemfamilien, Smartphone-telefonierenden Fixie-Nerds und natürlich den ungeduldigen Schnelltretern mit oder ohne Helm.

Kein Wunder, dass hier so viel los ist. Die Torstraße auf der Parallelen ist mit mehreren Spuren und immer schnellem Verkehr eine ziemlich ungemütliche Strecke. Seit es die Fahrradstraße gibt, kann man schön und entspannt die Alternative nutzen. Das geht dann aber leider nur bis zum Oranienburger Tor. Danach geht es dann los mit der Spießrutenfahrt, richtig ätzend wird es dann, wenn man in Schöneberg mit auf die LKW/Busspur darf. Es ist vielleicht nicht ganz so schlimm wie Casey Neistat das für die Radwege in New York so hübsch dokumentiert hat, macht aber auch keinen Spaß.

Es wäre toll, wenn alle Gegenden in Berlin über Fahrradstraßen erreichbar wären. Es fahren ja auch immer mehr Menschen Rad. Und den PKW zum Zentrum der Verkehrsplanung zu machen, macht doch heute sowieso keinen Sinn mehr, im 21. Jahrhundert.

Vor einem Kreuzberger Bastelladen steht ein Fahrradständer vor der Tür, auf dem steht sinngemäß, dass das Fahrrad die Krone menschlichen Erfindertums ist. Da kann man natürlich drüber streiten, aber auf jeden Fall ist es 100% emissionsfrei in der Nutzung, günstig, macht fit, braucht kein Benzin und verbraucht weniger Platz pro Mensch – morgens sitzt in fast jedem Auto, das ich auf dem Weg sehe, gerade mal eine Person. Und natürlich ist es viel schneller als Zufußgehen. Nur angenehm ist ein langer Fahrradweg durch eine Großstadt wie Berlin heute noch nicht.

Ich fahre also morgens die Linienstraße entlang und träume von der Fahrradstadt, die Leute auf zwei Rädern nicht zusammen mit Gullis und Schlaglöchern an den abschüssigen, kaputten Rand der Straße verbannt, wo Fahrradwege nicht einfach aufhören und zugeparkt im Nichts enden.

Nach 40 Minuten Fahrt schaue ich leicht verfeinstaubt und etwas gestresst ob der morgendlichen Laster bei Twitter vorbei. Und da sehe ich, was @autofocus schreibt: Dass es nämlich das, was ich mir hier für Berlin wünsche, anderswo schon gibt, und zwar in Kopenhagen!

Liebe VerkehrsplanerInnen, zwölf Straßen für uns RadfahrerInnen (Laut Fahrrad-Wiki) sind schon ganz nett, aber wie viele tausend Straßen gibt es im Vergleich, die Autos privilegieren?

Könnt ihr da nichts drehen, ich meine, Berlin will Kopenhagen doch nicht nachstehen, oder? Außerdem: So viele Autos in der Stadt sind doch echt voll retro.

Und wenn ihr mir jetzt mit dem alten Wintertotschlagargument und den kriselnden Berliner Öffis kommt: Zur Entlastung der vereisten S-Bahn kann der Cykelsuperstier in den eiskalten Berliner Frostmonaten dann ja kurzzeitig in Winterschlaf gehen. Klingt das nach einem Kompromiss?

Noch was für zwei Räder:

Ein Projekt des Guggenheim-Labs will die Berliner Straßen nach Fahrrad-Freundlichkeit kartieren. Eigentlich doch ein netter Plan, ist aber noch ein bisschen am Anfang.

Derzeit sind viele Straßen gleichzeitig rot, grün, glücklich und gestresst. Toll wäre eine Suche nach Straßennahmen, ein Routenplaner – und vor allem als Plattform die OpenStreetMap. Freie Daten für freies Fahren!

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