Plastikmüll im Meer: Zahlen und Fakten

Zum Plastik in den Ozeanen finden sich in den Medien eine Menge verschiedener Zahlen, viele davon sind nicht fundiert. Das ist mein Notizzettel, um verschiedene Schätzungen und Infos aus dem Netz zu vergleichen und einzuordnen. In diesem Post geht es um Angaben, die sich auf die Weltmeere insgesamt beziehen. In weiteren Posts sammele ich Zahlen zu bestimmten Teilen des Meeres und zur Produktion und Entsorgung von Plastik.

Wo ich konnte, habe ich zur Quelle verlinkt. Über Hinweise zu Fehlern oder fehlenden Infos freue ich mich. Seiten mit * sind mittlerweile offline und über das Internet-Archiv angezeigt.

Hinweis: Diese Liste, die ich seit 2011 führe, verändert sich immer mal wieder. Zur Zeit ist sie nicht an allen Stellen aktuell, viele Links sind mittlerweile offline. Ich arbeite daran. Letzte Änderung: 07.05.2018

 

Übersicht

Wieviel Plastik landet pro Jahr im Ozean?
2050 mehr Plastik als Fisch in den Meeren?
Gewicht von Kunststoff in den Weltmeeren
Plastikteile, die auf der Oberfläche des Ozeans treiben
Anteil des Kunststoffs am Müll im Meer
Menge des Abfalls, die der Mensch ‚direkt ins Meer wirft‘
Anteil des jährlich produzierten Kunststoffs, der im Meer landet
Anteils an Plastik im Meer, das vom Festland kommt
Anteil, der zu Boden sinkt
Sichtbare Müllteile auf dem Meeresboden pro km2
Frühere Factchecks

Wieviel Plastik landet pro Jahr im Ozean?

 

Es dürften mehrere Millionen Tonnen sein. Wie viele genau, ist unklar.

 

Die Umwelttechnikerin Jenna Jambeck hat mit Kollegen hochgerechnet, wieviel Plastikmüll in den Küstenregionen nicht sachgerecht behandelt wird. Davon könnten 2010 zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen ins Meer gelangt sein, schätzen die Forscher. Den Müll, der direkt auf dem Meer entsorgt wird, von Schiffen oder Plattformen, rechnen sie nicht mit. Bei ihrer Schätzung geht es nur um den Eintrag vom Land bis 50 km von der Küste.
Quelle: Plastic waste inputs from land into the ocean (2015)

 

Zahlen, die ihr besser nicht verwenden solltet:

 

Rund 6,4 Millionen Tonnen landen pro Jahr im Meer: Diese Angabe zitierten lange Zeit viele Medien und NGOs. Mal ging es um Müll, mal nur um Plastik. Auch wissenschaftliche Studien wie die von Derraik (2002) sowie die UNEP und der World Ocean Review* 2010 zitierten die Schätzung der amerikanischen National Academy of Sciences (NAS). Die Expertengruppe GESAMP hat aber darauf hingewiesen, dass die NAS-Studie schon in den siebziger Jahren entstand und sich nur auf den von Schiffen ins Meer gelassenen und verzeichneten Müll bezieht. Wer mehr über den Hintergrund dieser Zahl erfahren will, findet hier meinen ausführlicheren Faktencheck.

 

Zehn Prozent der jährlichen Plastikproduktion gelangt ins Meer: Diese Angabe habe ich nur in einigen wenigen Medien gefunden, wie den National Geographic News 07/2010. Vermutlich stammt diese Prozentangabe von Greenpeace, mit dieser Quellenangabe wird sie auch in AlterNet 2/2012 zitiert. Eine wissenschaftliche Quelle für diese Schätzung habe ich noch nicht gefunden.

 

2050 mehr Plastik als Fisch in den Meeren?

Diese Behauptung wird in letzter Zeit immer wieder im Netz zitiert, auch von großen Medien. Um eine wissenschaftliche Schätzung handelt es sich dabei allerdings nicht. Die BBC hat schon 2016 einen sehr guten Faktencheck veröffentlicht, mit folgendem Ergebnis:

So how much plastic is there in the ocean, and how much will there be in 2050? We don’t know, but probably a lot. How many fish? We don’t really know but certainly a lot. And when will one overtake the other? We definitely do not know.

Gewicht von Kunststoff in den Weltmeeren

 

„In the open ocean, the abundance, distribution, and temporal and spatial variability of plastic debris are poorly known.“ Law et al 2010

Laut Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP gibt es keine sichere Schätzung des Gesamtgewichts allen Plastiks in den Meeren.

In den deutschen Medien war schon von 100 Millionen Tonnen bis zu „Abermilliarden“ Tonnen die Rede. Auf dem Blog der Organisation 5Gyres überschlug der Umweltaktivist Stiv Wilson das Gewicht 2010 grob auf Grundlage der SEA-Proben auf 315 Milliarden Pfund —> ungefähr 142 Millionen Tonnen. Über EPA-Daten von 1992 kommt er auf circa 280 Milliarden Pfund —> etwa 127 Millionen Tonnen. Sein einschränkender Kommentar:

„I’m trying to calculate the incalculable.“ (Stiv Wilson)

Die meisten Proben stammen aus dem Wasser nahe der Oberfläche. Zum treibenden Plastik gibt es mehrere jüngere Schätzungen. Dabei wird Kunststoff in der tieferen Wassersäule oder auf dem Meeresboden nicht mit berechnet:

Auf rund 269 Tausend Tonnen (268940) schätzt eine im Dezember 2014 veröffentlichte Studie das Mindestgewicht des in Nähe der Wasseroberfläche treibenden Plastiks (New York Times, PLOSone). Eine im August 2014 erschienene Studie schätzt das Gewicht auf zwischen 7 und 35 Tausend Tonnen. (PNAS). Die große Differenz ergebe sich aus der Messmethode, sagte Martin Thiel, Koautor der PLOSone-Studie, im Deutschlandfunk:

„Der Unterschied ist, dass unsere Studie nicht nur die Mikroplastik, also die kleinen Fragmente, die kleinen Teile untersucht hat mit Netzen, sondern auch die großen Plastikteile, große Netze, große Kisten, Bojen auch quantifiziert hat.“ Thiel, DFL 12/2014

2011 rechnete Marzia Sesini in ihrer an der Columbia Universität eingereichten Masterarbeit das Gewicht nur in den fünf großen Meereswirbeln auf 36 939 Tonnen (3,6 * 103) hoch.

Zahlen aus Medien und Netz

Gesamtgewicht:

Nahe der Oberfläche:

Plastikteile, die auf der Oberfläche des Ozeans treiben

 

„Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Müllmenge in verschiedenen Meeresgebieten unterschiedlich groß ist. In vielen Bereichen zählten die Forscher zwischen 0 und 10 Plastikteilen pro Quadratkilometer. Im Ärmelkanal waren es zwischen 10 und 100 Teilen. In den Küstengewässern Indonesiens schließlich wurden je Quadratmeter 4 Müllteile gemessen – ein Vielfaches des Durchschnittswerts.“ World Ocean Review 2010*

Zur Frage, wie viele Teilchen Plastik auf jedem Quadratmeter oder -kilometer Ozean treiben, gibt es keine globale Antwort.

Folgende Zahlen empfehle ich nicht zu verwenden:

Die UNEP berichtete 2005 von 13.000 Teilen pro Quadratkilometer, nannte aber, wie die NOAA*  feststellte, keine Quelle. Ein UNEP-Dokument von 2006 berichtete von über 46.000 Teilen pro Quadratmeile, also etwa 17.760 Teilen pro Quadratkilometer. Auch zu dieser Zahl nannte die UNEP keine Quelle und erklärte sich ausdrücklich als nicht verantwortlich, Zitat: „This list is taken from various literature sources and does not attempt to be exhaustive. The author is not responsible for the accuracy of these facts.“ Ein Greenpeace-Bericht hinterfragte die gerundete Angabe von 18.000 ebenfalls kritisch.

Bisher konnte ich keine Quelle für 13.000 oder 18.000 Teile pro km2 oder 46.000 pro Quadratmeile Ozean finden. In den Medien ist teilweise auch von 46.000 Teilen pro Quadratkilometer die Rede. Möglicherweise beruht das auf einer Verwechslung der Größeneinheiten Meilen und Quadratkilometer.

Wissenschaftlich fundierte Antworten gibt es nur bezüglich einzelner Gebiete:

So vermutete die NOAA*, dass einige der oben zitierten Zahlen möglicherweise auf eine über 20-jährige Forschungsreihe der Sea Education Association (SEA) im Atlantik Bezug nehmen:

„Law et al. (2010) enumerated 64,000 plastic particles in surface waters from October 1986 to December 2008. This figure represents twenty two years of collecting particles over a large swath of the North Atlantic from Massachusetts to Bermuda.“

 

Anteil des Kunststoffs am Müll im Meer:

 

„The literature on marine debris leaves no doubt that plastics make-up most of the marine litter worldwide…its proportion consistently varies between 60% and 80% of the total marine debris.“Derraik (2002)

Menge Müll, die der Mensch ‚direkt ins Meer‘ wirft

 

  • täglich: 540 000 Tonnen (taucher revue 9/2010, genannte Quelle IUCN)
  • täglich: 8 Millionen Teile, davon 5 Millionen von Schiffen (UNEP Stand 5.9.11, Quelle ungenannt)
  • jede Stunde: „675 Tonnen Müll direkt ins Meer“…“die Hälfte davon ist aus Plastik“ Spiegel 2/2008, Quelle: Ozeana
  • jede Stunde von Schiffen aus: 675 Tonnen (taz-blog 5/2010, Quelle: Oceana)

Ich bin noch nicht dazu gekommen, diese Quellen genauer zu überprüfen.

Anteil des jährlich produzierten Kunststoffs, der im Meer landet

 


Häufig ist von 10 oder bis zu 10 Prozent die Rede, etwa in der FAZ 1/2011, den National Geographic News 07/2010 und AlterNet 2/2012, die als Quelle die Umweltorganisation Greenpeace nennen. Die wissenschaftliche Quelle dieser Angabe habe ich bisher noch nicht gefunden.

Anteils Plastik im Meer, das vom Festland kommt

 

„We truly can’t say what the land- and ocean-based percentages are with any certainty or accuracy“ NOAA

Laut NOAA gibt es keine sicheren Angaben zur Frage, wieviel Plastik vom Festland aus und wieviel vom Meer (Schiffen) in die Ozeane gelangt. Für ein Verhältnis von 80:20 findet sich keine wissenschaftliche Quelle.

Zitiert wird das Verhältnis etwa in jetzt.de 3/2010, arte 2/2011 und Welt online 6/2011, die die UNEP als Quelle nennen. Die taucher revue 9/2010 bezieht sich auf IUCN, wenn sie schreibt: „Der Müll gelangt zu 80 Prozent über Flüsse, den Wind oder durch Abfalldeponien aus dem Landesinnern ins Meer.“ Noch 2009 schrieb dagegen Zeit online: „Das meiste stammt aus der internationalen Schifffahrt“. 2009 kamen laut UNEP 58% des bei Säuberungsaktionen gesammelten marinen Mülls von „shoreline und recreational activities“, von 7.4 Millionen Pfund in 108 Ländern gesammeltem Mülls (abgerufen am 5.9.11).

„The figure that an estimated 80% of the garbage comes from land-based sources and 20% from ships is derived from an unsubstantiated estimate. (…) Postulated in Moore 2004“Wikipedia, abgerufen 14.09.2011

Anteil, der zu Boden sinkt

 

„The fate of plastic particles that become dense enough to sink below the sea surface is unknown, and we are unaware of any studies of seafloor microplastics offshore of the continental shelf.“ Law et al 2010

An verschiedenen Stellen ist zu lesen, dass etwa 70 Prozent der Abfälle an den Boden sinkt, etwa im World Ocean Review 2010. UNEP nennt als Quelle Studien in der Nordsee und nahe Australien. Von den restlichen 30 Prozent lande demnach die Hälfte am Strand, die andere gleite im Wasser (abgerufen am 5.9.11). Die Namen der Studien führt das UNEP-Dokument nicht auf.

„Because the cohort of pelagic organisms that ingest plastic, their ingestion rates, and the fate of ingested plastics are unknown, it is impossible to estimate the size of this sink.“ Law et al 2010

Sichtbare Müllteile auf dem Meeresboden pro km2

 

Ich bin noch nicht dazu gekommen, diese Quellen genauer zu überprüfen.

Frühere Factchecks

 

Foto:

Genesta Bay in Queensland, Australia on 2003, CC-BY krossbow/F.Delventhal, flickr

3 Antworten auf „Plastikmüll im Meer: Zahlen und Fakten“

  1. Ich möchte gerne wissen wieviel Gramm Plastik auf hundert Liter Meerwasser kommen aber mein Hirn ist schon total verknotet von ganzen Umrechnerei mit den wahnsinnigen Massen an Nullen. helft mir. ich möchte mir die Menge an Plastikmüll der jährlich hinzukommt so auf Liter runterrechnen dass man sich etwas vorstellen kann.
    Vielen Dank und liebe Grüße
    Petra

  2. Liebe Petra, Danke für deine Frage. Die Antwort ist nicht einfach. Denn letztlich haben die Forscher nur Indizien, wieviel Plastik wirklich im Meer ist: Sie fischen die Oberfläche an einigen ausgewählten Stellen ab, sie finden zufällig Fasern oder Plastikfetzen in Proben vom Boden der Tiefsee, oder sie versuchen zu kalkulieren, wieviel vom Land Jahr für Jahr ins Meer gelangt. Daraus ergeben sich grobe Annäherungen. Das kannst du jetzt mit der Gesamtmenge an Meerwasser verrechnen. Im Durchschnitt dürfte sich daraus eine Konzentration ergeben, die sehr gering erscheint. Denn Gramm pro 100 Liter sagt dabei wenig über die lokale Seite aus. Das Plastik ist ja nicht gleich verteilt, sondern sammelt sich etwa in den großen Meereswirbeln, so dass hier eine deutlich höhere Dichte herrscht und mit entsprechend höheren Umwelt-Auswirkungen zu rechnen ist.

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