Manche Zahlen sind wie Plastik

Manche Zahlen sind wie Plastik: Leicht, praktisch und ewig haltbar. Zum Beispiel diese: Über 6,4 Millionen Tonnen Abfall landen jährlich in den Weltmeeren. Das ist eine Angabe aus den 70ern, die bis heute recycelt wird, wenn es um Plastikmüll im Meer geht.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP datiert die Schätzung auf 1997. Doch die eigentliche Quelle ist mehr als doppelt so alt, wie die Expertengruppe GESAMP in ihrem Bericht 2010 schreibt:

“Our knowledge of the possible quantity of marine litter entering the seas and oceans still relies too heavily on estimates such as the US National Academy of Sciences (1975) value of 6.4 million metric tonnes of marine litter per year.”

Die Quelle findet man bei Google Books: Im Bericht „Assessing Potential Ocean Pollutants“ der National Academy of Sciences von 1975 schätzten die Autoren, dass rund 6,4 x 106 Tonnen Abfall („Marine Litter“) von Schiffen und Plattformen aus im Meer landen. Die GESAMP schreibt dazu:

„This number is compiled exclusively from maritime sources, i.e. “litter generated in the oceans”, such as by shipping, fishing and the military transport and does not include land-based sources.“

Das heißt, die Angabe beschreibt gar nicht, was wir messen müssten, um eine echte Vorstellung von den Abfallmengen im Meer – oder noch spezieller, Mengen an Kunststoffmüll – zu bekommen. Sie schätzt nur den Müll aus etwa Plastik, Papier, Glass, Metall oder Holz, der auf dem Ozean ins Wasser gelangte – nicht den Müll vom Land.

“While the NAS (1975) study estimated then-legal dumping of waste from ocean vessels, an accurate, current estimate of debris entering the oceans would need to measure debris entering from rivers, storm sewers, beach litter, illegal dumping at sea, and many other avenues.”

kommentiert die US-Umweltbehörde NOAA.

Die Daten, die für die Schätzung verwendet werden, sind aus den frühen 70er und späteren 60er Jahren.

Seit 1975 hat sich viel verändert. So ist das Ablassen von Plastik ins Meer seit 1988 durch den Annex V des MARPOL-Abkommen reguliert. Allerdings gehen Viele davon aus, dass das nicht wirklich wirksam war. Heute wird außerdem angenommen, dass ein Großteil des Kunststoffs vom Land und nicht über Schiffe ins Meer gelangt, mit regionalen Abweichungen.

„Can anyone dispute the Plastic Age when two years of plastic production equals the weight of every man, woman, and child on earth?“

fragt der Segler Charles Moore in seinem Buch Plastic Ocean (2011). Angenommen, jeder der sieben Milliarden Menschen hätte im vorletzten Jahr 54 Kilo gewogen: Dann haben wir in einem Jahr mehr Plastik hergestellt, als die halbe Menschheit wiegt.

54 x 7 Mrd = 378 Mrd Tonnen
Produktion 2011 = 280 Mrd Tonnen

Die Kunststoff-Industrie schätzt, dass allein im Jahr 2011 weltweit etwa 280 Millionen Tonnen Kunststoffe produziert wurden. 1976 – ein Jahr nach der Publikation der National-Academy-Schätzung – waren es noch sechsmal weniger.

Wenn man jetzt wissen möchte, wieviel Abfall – und speziell wieviel Kunststoffmüll – jedes Jahr in die Meere und Ozeane gelangt: Müsste man also die 6,4 Millionen Tonnen mit dem Faktor Sechs multiplizieren, um die erhöhte Plastikproduktion zu berücksichtigen? Sollte man das dann nochmal mit einem weiteren Faktor multiplizieren, um hinein zu rechnen, dass der Anteil des Mülls vom Land vermutlich höher ist, als der von Schiffen (es ist von einem Verhältnis 80 Land: 20 Meer die Rede)?

Schwierig. In der NAS-Studie ging es nicht nur um Plastik, sondern auch andere Materialien. Man kann weder davon ausgehen, dass der Anteil an Kunststoff im Meeresmüll immer konstant war, noch dass der Eintrag an Müll in die Meere immer gleich blieb. Außerdem gab es eine positive Entwicklung, die man nicht vergessen sollte: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stiegen die Recyclingraten. Aber wie viel konnten sie auffangen?

Die Rechnung wird also relativ kompliziert. Dass aber 6,4 Millionen Tonnen Abfall jährlich von Schiffen in die Meere gelangen, ist eine historische Aussage. Sie sagt nichts darüber aus, was heute an Abfall oder speziell Plastik in die Ozeane gelangt – und ist vermutlich älter als das meiste Plastik, das durch die Meere schwimmt.

Kürzlich schrieb die englische Ausgabe von Spiegel Online sogar von 64 Millionen Tonnen Abfall, die pro Jahr ins Meer gelangen. Das wurde bei ABC News zweitverwertet und machte in sozialen Netzwerken die Runde. Vermutlich fehlte nur das Komma.

Links
– GESAMP 2010 Bericht (PDF, Zitat von oben auf S.15)
– NAS 1975 Assessing Potential Ocean Pollutants Marine Litter, S. 405-431. Wenn man nach Table 8-4 geht, sind „gross tons“ gemeint, was dann etwas mehr ist, etwa 6,5 Millionen metrische Tonnen.

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