Uni als Show


CN6eTZvWIAEiaoeWenn der halbe Hörsaal die Facebook-Timeline durchstöbert oder neue Schuhe shoppt, können auch Harvard-Dozenten schon mal verzweifeln. Doch statt ein Laptop- und Smartphone-Verbot zu erlassen, gehen manche mit der Zeit und verwandeln ihre Vorlesung in eine Show, die locker mit YouTube und Co. mithalten kann.

Deutschlandfunk | Campus & Karriere | 21.6.2016 | 14:35 | 4 Min.

Manuskript / Links

„Wir haben hier fünf Eier in dieser kleinen Schüssel, und ich hab ein bisschen Salz und Olivenöl dazu getan, wir verrühren das jetzt, bis es schön homogen und dünn ist.“

Das ist Matt Abdoo vom New Yorker Restaurant „Del Posto“. Der bekannte Szene-Koch steht im großen Hörsaal des Harvard Science Center und demonstriert vor mehreren hundert Studierenden, wie man das dünnstmögliche Crepe ohne Mehl herstellt.

„Unsere Pfanne ist jetzt 219,2 Grad Fahrenheit warm. Schätzt mal, auf was für eine Temperatur ich sie kriegen muss, bevor ich das Ei kochen kann? 250, nicht schlecht geschätzt! 325, wer bietet 326?“

„Essen schien einfach die perfekte Art, die Leute reinzuziehen und ihr Interesse zu wecken. Jeder interessiert sich auf die eine oder andere Weise fürs Essen. Das kann man nutzen, um die Neugier der Leute auf Wissenschaft zu wecken.“

Biochemikerin Pia Sorensen und ihre Mitdozenten legen sich dafür ordentlich ins Zeug. Wöchentlich laden sie Sterne-Köche und Ernährungsexperten in den Harvard-Hörsaal ein, die ihre Kunst live vor Publikum präsentieren. Da raucht der flüssige Stickstoff, die Mixer dröhnen und einige Studis dürfen zum Kneten und Rösten auf die Bühne.

„Ich glaube, dass das einer der komplexesten Kurse hier auf dem Campus ist, weil er aus so vielen Teilen besteht…und man kann sich vielleicht auch vorstellen, was es bedeutet, 300 Studierende dazu zu bringen, das Labor aufzuräumen, nachdem sie Schokoladenkuchen gebacken haben.“

Ein paar Schritte weiter befindet sich ein Wahrzeichen von Harvard, das Sanders Theatre. Von außen erinnert das Gebäude an die Zauberburg aus Harry Potter. Drinnen ist der alte, holzgetäfelte Theatersaal voll gepackt mit jungen Leuten. Auf der Bühne stimmt sie ein DJ mit seinem Music Controller auf die Informatik-Vorlesung ein. Dann betritt der Dozent die Bühne.

(Klatschen) „Das ist CS50, Harvards Einführung in die Kunst des Programmierens!“

David Malan unterrichtet Harvards wohl größten und mittlerweile berühmtesten Kurs. Eine echte Show, präsentiert wie ein TED Talk, die zeitgleich mit den rund 800 Studierenden im Sanders Theatre auch noch von Tausenden weiteren Hörern an der Uni Yale und im Internet verfolgt wird.

„You probably have heard that computers understand binary, just 0s and 1s…“

Malans Stimme überschlägt sich fast, man merkt dem Dozenten die Anstrengung an. Schließlich ist CS50 kein kleiner privater Kurs für zukünftige Zuckerbergs mehr, sondern ein Spektakel. Da werden Telefonbücher zerrissen und Studierende auf die Bühne geholt, als wäre es eine Zauberhow.

„Bei der Informatik geht es nicht ums einsame Programmieren in einem Cubicle mit Laptop. Wir versuchen gleich in den ersten Minuten zu zeigen, dass es bei Informatik ums Problemlösen geht, und das kann ein sehr kollaboratives Unterfangen sein.“

Rund 100 Leute arbeiten an Malans Kurs mit, dreimal so viele wie bei Science and Cooking. CS50 ist fast so etwas wie ein eigenes Start-up in Harvard, das neben Geldern der Uni auch von großen Sponsoren wie Facebook oder Google unterstützt wird. Dass CS50 zu einer Marke werden soll, ist klar, wenn man dem Dozenten zuhört:

„…CS50 puzzle day at the start of the semester, the CS50 hackathon, CS50 fair…“

Berichten in der Uni-Zeitung Harvard Crimson zufolge hat die Uni Malans Versuch, CS50 als eigene Marke registrieren zu lassen, vor drei Jahren unterbunden. Sich von seinen eigenen Dozenten die Show stehlen zu lassen – das will die Universität von Harvard dann doch nicht.

Links

Science and Cooking
Ausgewählte Vorlesungen auf YouTube
Kurs auf der Lernplattform edX
CS50: Kurs-Webseite
Alle CS50-Vorlesungen von 2015
CS50-Special bei der Unizeitung The Crimson
Kritik am Kurs im Harvard Crimson
Tumblr: I did not take CS50
The Harvard Crimson: Courses are not Corporations

Sprecherin Pia Sorensen: Lena Ehlers
Foto: Studierende warten vor dem Sanders Theatre auf Einlass in die erste CS50-Vorlesung des Herbstsemesters 2015

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