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Langsam dreht der Plastikmüll im Nordpazifik seine Runde. Es ist Zivilisationsmüll, vom Land und von Schiffen, der ins Meer gewandert ist und von Strömungen gefangen. Doch die ozeanische Müllhalde leckt. Immer wieder spült sie Überreste von Zahnbürsten, Fischernetzen und Plastikspielzeug an die Strände Hawaiis. Auf einer der abgelegendsten Inselketten der Welt schaffen Umweltschützer das Treibgut aus Kunststoff fort. Wissenschaftler versuchen derweil, das globale Problem des Plastikmülls im Meer zu verstehen.
Hawaii ist berühmt für seine weißen Korallen- und schwarzen Lavastrände. Doch an vielen von ihnen ist der Sand schon von winzigen Plastikteilen durchsetzt. Mahana Beach, berühmt für seinen seltenen grünen Sand aus Olivin, bleibt nicht verschont. Würden die Hawaiianer ihre Strände nicht regelmäßig vom Strandgut aus Kunststoff säubern, sähe das Paradis ganz anders aus.
Am schlimmsten trifft es Kamilo Beach. Aufgrund der Strömungen landen an diesem Strand an der Südküste der großen Insel von Hawaii besonders große Mengen Treibgut. Schon die alten Hawaiianer wussten davon. ‘Kamilo’ bedeutet ‘verwirbelte Strömungen’ und war der Ort, an dem nach geliebten Menschen gesucht wurde, die im Meer verloren gegangen waren. In jüngerer Zeit galt Kamilo Beach als einer der am schlimmsten verschmutzten Strände der Welt. Warnende Stimmen wie Charles Moore, der das Müllproblem im Nordpazifik bekannt gemacht hat, präsentierten ihn den Medien als dystopischen Ort.
Dank der Arbeit von Aktivisten sieht es auf Kamilo Beach jetzt besser aus – wenn auch nicht wirklich gut. Die Umweltschützer des Hawai’i Wildlife Fund nehmen regelmäßig Helfer auf ihrem klapprigen alten Pick-Up-Jeep mit an den Strand. An diesem Sonntag ist es eine Gruppe Schüler polynesisch-hawaiianischer Herkunft aus einem Präventionsprogramm für suchtgefährdete Jugendliche. Zwei Umweltaktivisten von der nördlicher gelegenen Insel O’ahu sind auch dabei. Der Weg ist beschwerlich und führt über ungepflasterte Straßen und Lavagestein. In Hitze und rauem Wind der Südküste sammeln die Strandaufräumer Plastik und filtern den Sand. Später transportieren sie den Müll in die Stadt, wo er entsorgt wird. Ohne Einwegflaschen, Tüten und Container aus Plastik kommen auch sie an diesem Tag nicht aus. Zu dominant ist die amerikanische Wegwerfkultur im 50. Bundesstaat der USA.
Dass diese moderne Konsumkultur nicht auf Dauer funktionieren kann, wird den Inselbewohnern mehr und mehr bewusst. Ein großer Teil des Plastik, das bei ihnen anschwemmt, kommt vermutlich aus anderen Ecken des Pazifiks, aus Kalifornien etwa oder Japan. Trotzdem sehen sie sich in der Verantwortung, etwas dagegen zu tun. Dabei dient ihnen das indigene Wissen ihrer Großeltern als Stütze. Sie besinnen sich auf ihr ‘Kuliana’, was ‘Verantwortung’ und ‘Privileg’ zugleich bedeutet. Für sie ist es ‘Malama’, ihre Pflicht Sorge für die Umwelt zu tragen, etwas gegen dieses ‘Opala’, das Treibgut von anderswo, zu tun.
Eine hawaiianische Legende handelt von der Herkunft des Lebens aus dem Meer. “Ihr stammt ab vom Korallenpolyp, und damit vom Ozean” sagt Umweltaktivistin Donna Kahakui den Jugendlichen, die mit zum Kamilo Beach gekommen sind, um dort aufzuräumen. Terry Shibuya, die Leiterin der Schülergruppe, erklärt es auf moderne Art: “Das Meer ist wie unser Kühlschrank. Deshalb müssen wir es schützen”.
Einer, der sich nicht auf alte Weisheiten beruft, ist Nikolai Maximenko. Der Professor am International Pacific Research Center (IPRC) der Universität von Hawaii auf der Insel O’ahu arbeitet mit den Aktivisten vom Kamilo Beach zusammen. Er möchte neues Wissen schaffen, nicht altes wiederbeleben. Denn das Problem ozeanischer Müllansammlungen ist noch weitestgehend unerforscht. Wieso landet Plastik in bestimmten Gegenden des Meeres und an bestimmten Stränden von Hawaii? Mit seinem Team simuliert Maximenko Oberflächenströmungen und sammelt Proben von Stränden und Ozeanen. Er will belegen, dass das Problem ein reelles und ein globales ist, gegen die Auffassung mancher seiner Kollegen aus der Wissenschaft, die das Problem für überbewertet halten.
Es gibt wenig, was die Wissenschaftler bisher wissen, sagt Maximenko. Der Müllteppich im Nordpazifik sei relativ gut belegt, ebenso der im Nordatlantik. Drei weitere Gebiete, in denen seine Modelle Müllansammlungen voraussagen, sind noch kaum untersucht. Es sei bei allen fünf Wirbeln ungeklärt, wie groß die Gebiete seien, in denen sich Müll sammele, wieviel Plastik dort tatsächlich vorhanden sei und was damit passiere: Sinkt es irgendwo zum Meeresgrund herab, zersetzt es sich am Ende doch vollständig? Und was bedeutet das für das Ökosystem Meer? Es gibt viele offene Fragen für Maximenko und die Forschungsgemeinde. Auf der fünften International Marine Debris Conference in Honolulu wird sie versuchen, einen Schritt weiterzukommen.
Er halte Plastik nicht für grundsätzlich schlecht, sagt Nikolai Maximenko. Es sei als Material vielen Alternativen überlegen. Ob es besser sei, Kleider aus Tierhaut als aus Synthetikfaser zu schneidern? Die Lösung und das Problem müssten in ihrer Komplexität betrachtet werden, findet er. Megan Rose Lamson vom Hawai’i Wildlife Fund sieht das ähnlich. Plastik sei nicht gut oder schlecht, sondern schlicht funktional. Die menschliche Abhängkeit von diesem Material und die Folgen für die Umwelt sind für Lamson allerdings an einen Punkt gelangt, an dem ein Umdenken dringend nötig wird.
Greifbare Veränderungen findet man selbst auf Hawaii noch wenige. Nur langsam und punktuell zeigt sich ein neues Bewusstsein zum Material Plastik. Auf der Insel Maui dürfen Supermärkte seit einigen Monaten keine Plastiktüten mehr ausgeben. Die Mehrheit der Restaurants, insbesondere die amerikanischen Ketten, servieren ihre Menüs jedoch immer noch auf Kunststoffgeschirr.
O-Töne aus den Interviews
Tags: Hawaii, Meer, Müll, Pazifik, Plastik, Umwelt, USA, Wirbel
Kategorie: Beiträge, DRK Weltzeit















